Grandios: Das Panorama vor allem ab Hochmais verwöhnt die Radleraugen (Foto: Sascha Resch)

Glocknervettern

Torsten
Ein wahrhaft königlicher Anstieg, in majestätischer Umgebung!

Sascha
Ein Monument fürs Palmarès!

Glocknervettern:

  • Zell am See - Zell am See
  • 77,3 km · 2190 hm · Hochalpin

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Heute geht es zum Glockner - das macht beste Laune! (Foto: Sascha Resch)

Heute geht es zum Glockner – das macht beste Laune! (Foto: Sascha Resch)

Es gibt nur wenige Passstraßen, deren Namen auch fernab des Radsports große Bekanntheit genießen. Die Großglockner-Hochalpenstraße ist eine dieser Ausnahmen. So gut wie jeder hat schon einmal von ihr gehört oder zumindest von ihrem Namensgeber, dem Großglockner, dem mit fast 3800 Metern höchsten Gipfel Österreichs. Neben dem klangvollen Namen reizt auch die Landschaft, denn der Anstieg führt durch den bekannten Nationalpark Hohe Tauern. Dass die Glockner-Straße außerdem zu den wohl härtesten Anstiegen der Alpen gehört, kommt als Surplus noch dazu. Kein Wunder also, dass auch wir Alpenvettern, dieses Monument der Bergstraßen einmal unter die Pneus nehmen wollten.

Los geht unsere Tour in Zell am See. Der Ort liegt malerisch inmitten der österreichischen Bergwelt. Der kleine, aber wunderschöne Zeller See würde zu einem ausgiebigen Sonnenbad auf einem „Bankerl“ einladen. Das ist wohl auch der Grund, warum es hier in der Regel zugeht wie im Taubenschlag. Die Hauptstraße, die mitten durch den Ort führt, ist zwar durch eine Umgehungsspange entlastet. Doch weiterhin quält sich eine rauchende Metall-Karawane durch den kleinen Ort. Dieser Straße müssen wir vom Ortszentrum aus alternativlos in Richtung Süden folgen, um zum Glockner zu gelangen, auch wenn das bedeutet, dass wir von der frischen Alpenluft vorerst nichts mitbekommen.

Um dem Autogedränge zu entkommen, zweigen wir bei erster Gelegenheit, am Bahnhof Schüttdorf-Seespitzstraße links ab und folgen nach den Bahngleisen rechts der Porscheallee. Diese führt uns so gut wie autofrei weiter. Einen Wermutstropfen gibt es jedoch: Während wir zunächst mit glattem Asphalt verwöhnt werden, wechselt der Belag bald für circa 500 Meter zu Schotter. Zwar wäre uns eine bessere Wegqualität lieber, doch dies ist die einzige direkte Möglichkeit, der Hauptstraße auszuweichen. Notgedrungen lassen wir es auf dem Schotterabschnitt etwas langsamer angehen und haben zum Glück recht schnell wieder Asphalt unter den Pneus. Ab hier macht es einfach nur noch Spaß. Wir folgen dem gut ausgeschilderten Tauernradweg und erreichen in nur wenigen Pedalumdrehungen den Ort Bruck an der Glocknerstraße.

Vorsicht: Auf der Großglockner-Hochalpenstraße kann man wilden Murmeltieren begegnen (Foto: Sascha Resch)

Vorsicht: Auf der Großglockner-Hochalpenstraße kann man wilden Murmeltieren begegnen (Foto: Sascha Resch)

Von hier aus startet alljährlich das Jedermann-Rennen „Glocknerkönig“, das die Teilnehmer bis zum Fuscher Törl hinaufführt. Wir sind leider ein paar Monate zu spät dran, doch das macht nichts. So können wir die Natur noch intensiver genießen, denn bei einem Rennen würden wir doch etwas weniger auf die Umgebung achten. Wenn man wie wir nicht während des „Glocknerkönigs“ unterwegs ist , sollte man jedoch, so irgend möglich, unter der Woche starten. Bereits an Werktagen ist auf der Glocknerstraße viel los, an Wochenenden dürfte es zeitweise nur schwer erträglich sein. Wir haben aber Glück und rollen auf ebener Strecke bis nach Fusch und können die hellen Sonnenstrahlen in Ruhe genießen.

Kurz hinter Fusch zieht die Steigung plötzlich an und bäumt sich im 10 %-Bereich auf. Hier gilt es, die Kräfte gut einzuteilen, denn eines ist klar: Die Steigung wird die nächsten rund 17 Kilometer in diesem Bereich verbleiben, wenn man die kurze Pause an der Mautstelle Ferleiten außer Acht lässt. So heißt es, schnell den eigenen Rhythmus zu finden. Auf keinen Fall sollte man sich von der „Glockner-Euphorie“ zu allzu enthusiastischen Heldentaten verleiten lassen, denn sonst kommt der Einbruch schneller, als einem lieb ist. Wir pedalieren also etwas langsamer, als wir es eigentlich könnten, und achten auf einen möglichst flüssigen, runden Tritt. Hier unten ist es noch ziemlich warm, geradezu heiß, sodass auch das Trikot schnell komplett geöffnet ist.

Nach kurzer Zeit erreichen wir die bereits angekündigte Mautstelle Ferleiten und die Straße flacht, wie versprochen, spürbar ab. Auf geradezu ebener Strecke ordnen wir uns rechts ein, denn hier am Glockner gibt es eine separate Radspur. Diese führt uns zu einem Drehkreuz, das wir kostenlos freischalten können. Achtung: Hier kann immer nur ein Radfahrer auf einmal durch, außerdem muss man ein bisschen aufpassen, damit weder Lenker noch Pedal irgendwo hängen bleiben. Direkt hinter der Mautstelle können wir an einem „Bankerl“ einen Schluck aus dem Bidon nehmen, auch eine Banane kann nicht schaden. Vor allem sollte man sich aber ein paar Minuten Zeit nehmen, um die grandiose Aussicht zu genießen, die sich vor uns auftut. Von hier aus erkennen wir schon sehr deutlich die Berge, die im Sonnenlicht glitzern.

Grandios: Das Panorama vor allem ab Hochmais verwöhnt die Radleraugen (Foto: Sascha Resch)

Grandios: Das Panorama vor allem ab Hochmais verwöhnt die Radleraugen (Foto: Sascha Resch)

Wir schwingen uns wieder in den Sattel und ordnen uns auf der breiten Hauptstraße ein, die erneut gnadenlos im 10 %-Bereich bergan zieht. Gerade hier muss man nochmals alle Motivation zusammennehmen, denn diese Stelle kann wirklich zäh sein. Uns jedenfalls hat die Mautstation etwas aus dem Rhythmus gebracht. Außerdem führt die Straße noch ein gutes Stück fast schnurgerade bergauf, was nicht ganz unser Geschmack ist. Dafür entschädigt die Aussicht, zwischen den bewaldeten Abschnitten können wir rechter Hand bereits ein herrliches Bergpanorama genießen und das Große Wiesbachhorn bestaunen.

In der Nähe der Piffalm – oder Piffalpe, wie die Schilder in den Kehren es verkünden – bekommen wir endlich vier Serpentinen serviert, die die Fahrt spürbar auflockern. Doch das bedeutet nicht, dass die Steigung nachließe. Unerbittlich verharrt sie im Bereich um 10 % und verlangt uns auch in den Kurven einiges ab. Und wieder geht es geradeaus, vorbei am Parkplatz Piffkar und am Hochmais. Hier wird es zum Glück gefühlt leichter, denn der Wald legt sich kurz nach dem Piffkar zurück und ist am Hochmais komplett verschwunden, sodass wir freien Blick auf die königlich-schroffe Bergwelt genießen können.

Ab hier wird es auch straßenarchitektonisch interessanter, endlich folgt in recht kurzem Abstand eine Kehre nach der anderen. Am Nassfeld spendiert uns der kleine Wasserfall eine wohltuende Abkühlung und wenig später sind wir schon an der berühmten Hexenküche mit ihrem sagenhaften Panorama angekommen. Hier muss man einfach einen kurzen Stopp einlegen. Wir sind zwar sportlich unterwegs, aber das Auge verlangt auch das Seine.

Jetzt geht es ganz schnell. Wir passieren das Obere Nassfeld und in elegant geschwungenen Kurven erreichen wir die Abzweigung zur Edelweißspitze. Von hier können wir bereits das Fuscher Törl erkennen. Die Straße führt dort in einer engen Kurve im Gegenuhrzeigersinn um einen Felskegel, ähnlich wie an der Cîme de la Bonette in Frankreich. Auch wenn wir hier rund 400 Meter tiefer gelegen sind als bei der französischen Schwester, ist das Gefühl fast identisch: Der Puls pocht in den Schläfen, der Affe im Kopf ist endlich mal ruhiggestellt. Wir atmen die kühle Bergluft tief ein und ziehen uns am besten eine Windweste über. Unser Ziel ist das Hochtor, der höchste Punkt der Glocknerstraße, und die Straße dorthin führt uns erst einmal mit rund 8 % Gefälle bergab zur Fuscher Lacke. Auf der kurzen Zwischenabfahrt ist es ziemlich zapfig, vor allem weil wir noch aufgeheizt und durchgeschwitzt sind.

Geschafft: Die höchste Passstraße Österreichs ist bezwungen! (Foto: Sascha Resch)

Geschafft: Die höchste Passstraße Österreichs ist bezwungen! (Foto: Sascha Resch)

Kurz hinter der Fuscher Lacke ziehen wir unsere Weste wieder aus, denn jetzt geht es nochmals ordentlich bergan. Die Straße führt uns durch eine karge, mondähnliche Landschaft – für uns Alpenvettern das höchste aller Gefühle! Wir passieren den Mittertörltunnel, in dem Beleuchtung äußerst ratsam ist. Hinter dem Tunnel erkennen wir bereits im Hintergrund einen zweiten Tunnel – das ist der Hochtortunnel, der uns zu unserem Ziel führt. Obwohl wir schon einige Kilometer bergauf hinter uns haben, geht es jetzt ganz schnell. Wir erreichen den Hochtortunnel, schalten unser Licht ein und schließlich sind wir da: am höchsten Punkt der Großglockner-Hochalpenstraße. Hier befinden wir uns nun nicht mehr im Salzburger Land, sondern in Kärnten. Und auch die Berglandschaft, die wir südlich des Hochtors bestaunen, ist ganz anders, viel weicher als auf der Nordseite.

Am Schild mit der Aufschrift „Hochtor“ gönnen wir uns das obligatorische Beweisfoto, auf dem auch der Name „Großglockner“ zu sehen ist. Ein Schild weist darauf hin, dass der höchste Berg Österreichs von hier in 16 Kilometern zu erreichen ist. Wir könnten diesem Schild nun folgen und bis zur Kaiser-Franz-Josef-Höhe vordringen. Dort hätten wir Aussicht auf den Pasterzengletscher oder besser das, was von ihm noch übrig ist. Wir entscheiden uns jedoch, umzukehren, denn immerhin haben wir heute auch noch die Rückreise nach München vor uns. Zwar müssen wir die nicht mit dem Rad zurücklegen, trotzdem nimmt die Rückfahrt einige Zeit in Anspruch.

Blick nach Kärnten: Die Südseite des Glockners verspräche neuartige Eindrücke (Foto: Sascha Resch)

Blick nach Kärnten: Die Südseite des Glockners verspräche neuartige Eindrücke (Foto: Sascha Resch)

So stürzen wir uns in die recht frische Abfahrt, passieren den Mittertörltunnel und erreichen die Fuscher Lacke. Hier kommt jetzt der unangenehme Gegenanstieg zum Fuscher Törl und wir müssen abermals die Windweste ausziehen, um nicht im eigenen Saft gegart zu werden. Zum Glück ist der Anstieg zum kürzer als befürchtet. Wir gönnen uns deshalb eine weitere kurze Pause mit Bergblick, während wir die Windweste wieder aus dem Rucksack pfriemeln. Ab jetzt geht es tatsächlich nur noch bergab – und wie! Die 10 % sind deutlich spürbar, das Rad beschleunigt in Sekunden auf Geschwindigkeiten jenseits der 70 km/h. Aufgrund der zahlreichen Kehren im oberen Bereich und allgemein wegen des regen Autotreibens auf der Glocknerstraße sind funktionierende Bremsen absolute Pflicht! Dann aber können wir unbesorgt dem Genuss der Abfahrt frönen.

Es dauert nicht lange und wir sind wieder in Ferleiten, wo wir erneut die Mautstation passieren. Bis nach Fusch können wir es locker laufen lassen, bevor wir auf ebener Strecke doch wieder in die Pedale treten müssen. Zwar braucht man ein paar Tritte, um nach der langen Abfahrt wieder einen geschmeidigen Rhythmus zu finden. Doch dann gleiten wir in der herrlichen Gebirgssonne durch die alpine Wiesenlandschaft.

In Bruck müssen wir noch aufpassen, um den Abzweig des Tauernradwegs linker Hand in die Krössenbachstraße nicht zu verpassen. Danach können wir aber nicht mehr allzu viel falsch machen, immerhin kennen wir die Strecke von der Hinfahrt bestens. Leider erwartet uns nochmals die Schotterpassage der Porscheallee, die uns merklich ausbremst. Doch weder der Schotter noch die Autokarawane auf der Hauptstraße auf den letzten Metern in Zell am See können unsere Laune jetzt noch trüben. Wir haben einen der härtesten und schönsten Alpenpässe bezwungen. Jetzt sind wir ganz offiziell auch die „Glocknervettern“!

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