Ständig im Blick: Die Aussicht auf die Millionenmetropole Neapel begleitet uns auf dem Weg zum Vesuv-Gipfel und in der Abfahrt

Im Schatten des Vulkans

Sascha
Eine heiße Sache!

Im Schatten des Vulkans:

  • Napoli Centrale - Napoli Centrale
  • 71 km · 1400 hm · Alpin

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Pässefahren ist ja an und für sich schon etwas Besonderes und immer wieder ein unvergleichliches Erlebnis. Trotzdem gibt es auch im Leben eines Pässeradlers die ganz speziellen Touren und Anstiege, die einfach nicht mit den anderen Strecken vergleichbar sind. Eine solche ist die Fahrt auf und um den Vesuv direkt in der Nähe der Kampanien-Metropole Neapel.

Am höchsten Punkt der Vesuv-Straße: Und im HIntergrund die Aussicht auf Neapel

Am höchsten Punkt der Vesuv-Straße: Und im HIntergrund die Aussicht auf Neapel (Foto: Sascha Resch)

Damit ein Vulkan – und noch dazu der wohl gefährlichste Vulkan Europas – das Palmarès zieren darf, geht es erst einmal nach Neapel. Da der Radtransport im Flugzeug einfach nur eine Farce ist, sollte es schlicht ein Miet-Rennrad werden. Das ist in Neapel zwar nicht ganz einfach, aber am Ende soll es ein Velo von Milano Cicli direkt am Hauptbahnhof sein – ein absoluter Glücksgriff und eine echte Empfehlung. Toller Service und unglaublich offene und herzliche Inhaber.

Vom Radladen geht es zuerst durch das Getümmel Neapels, am Bahnhof Napoli Centrale vorbei, Richtung Autobahn. Wer jetzt denkt, dass es verrückt sei, in Neapel und Kampanien überhaupt Rad zu fahren, dem sei gesagt, dass ein Rennrad dort sofortigen Respekt auslöst, kein Gehupe und Gedrängle. Außerdem können Italiener einfach souverän Auto fahren, das lässt sich nicht wegargumentieren. So fühlt man sich auch bei einem Sicherheitsabstand von drei Zentimetern beim Überholen immer noch gut. Eine gewisse stoische Ruhe vorausgesetzt.

Erstaunt über die unkomplizierte Art des Verkehrstreibens, geht es an der Autobahnauffahrt vorbei, denn so wagemutig, die autostrada zu befahren, sind wir dann doch nicht. Deswegen fahren wir einfach geradeaus und halten uns in südöstlicher Richtung bis San Giorgio a Cremano. Dort schlängeln wir uns über kleine Straßen und fahren nach kurzer Zeit unter der A3 durch. Ab jetzt auf der Via San Vito zieht die Straße gnadenlos bergan, bis zum Gipfel.

Zunächst geht es auf der steilen Via San Vito auf einsamer Flur in vielen Kurven bergan. Es ist zwar erst 11 Uhr, aber schon kochend heiß und der erste Bidon ist schon leer. Das Mitte September – Im Juli oder August muss eine Befahrung zur Mittagszeit unerträglich sein.

Ständig im Blick: Die Aussicht auf die Millionenmetropole Neapel begleitet uns auf dem Weg zum Vesuv-Gipfel und in der Abfahrt

Ständig im Blick: Die Aussicht auf die Millionenmetropole Neapel begleitet uns auf dem Weg zum Vesuv-Gipfel und in der Abfahrt (Foto: Sascha Resch)

Schwitzend, treffen wir auf der Via San Vito schon bald auf die klassische Auffahrt, die von Torre del Greco hinaufzieht und bereits im Programm des Giro d’Italia gestanden hat. Wir folgen der Straße bergan und winden uns in zahllosen Kurven Richtung Himmel. Normalerweise ist der Vesuv komplett grün und eine wahre Oase, doch im Jahr 2017 ist leider alles verkohlt uns schwarz-braun-rötlich, da zahlreiche Waldbrände die Flanken des Vulkans verwüstet haben.

Vorbei am Parkplatz für das Observatorium pedalieren wir trotz der hohen Steigung – immerhin beständig zwischen 8 und 12 %, kurz auch 14 % – weiter Richtung Ziel. Die Die Straße ist in optimalem Zustand und es macht richtig Spaß, hier zu klettern, einzig die Busse mit Heerschaaren an Touristen sind ein wenig nervig. Nach der letzten Serpentine sehen wir dann das Ziel: ein eher schmuckloser Parkplatz mit einer Imbissbude, die als Rifugio herhalten muss. Doch gleich neben dem Kiosk findet sich eine Aussicht, die ihresgleichen sucht: ein fantastischer Ausblick auf die Millionenstadt Neapel. Dort unten pulsiert das Leben, von dort sind wir 1000 Höhenmeter geklettert, ein sagenhaftes Gefühl.

Eine kleine Brotzeit später geht es in die Abfahrt. Diese gestaltet sich als etwas schwierig. Nicht wegen der Straßenverhältnisse, sondern vielmehr wegen der immer wiederkehrenden Aussicht auf den Golf von Neapel und die Stadt selbst. Da muss man aufpassen, dass man vor lauter Staunen nicht in den verkohlten Graben fährt.

Panorama: Kurz nach dem Colle Sant'Alfonso erwartet uns eine unvergessliche Sicht auf die Amalfiküste

Panorama: Kurz nach dem Colle Sant’Alfonso erwartet uns eine unvergessliche Sicht auf die Amalfiküste (Foto: Sascha Resch)

Noch sind wir aber nicht fertig, es geht jetzt tatsächlich nach Torre del Greco. Dort fahren wir kurz auf der Via Nazionale. Diese ist aber ein zweifelhaftes Vergnügen, da hier nicht nur viele Italiener mit dem Auto fahren, sondern enorme Massen an Touristen unterwegs sind, schließlich ist die Via Nazionale die direkte Küstenhauptstraße. Deshalb verlassen wir bei Via de Monaci diese Hauptverkehrsader gleich wieder und wählen stattdessen ein kleines Schmankerl: den Colle Sant’Alfonso. Auf kleiner unscheinbarer Straße geht es bergan. Das allein ist schon ein Argument für diesen Weg, aber es gibt noch mehr. Am Rande erblicken wir das Kloster des Ordens Maria de’ Liguori, das einen imposanten Eindruck vermittelt. Und nicht zu vergessen: Die Straße führt hin zur Via Montagnelle und zur Via Panoramica. Diese nur wenig befahrenen Straßen sind eine echte Sensation. Unvergleichliche Ausblicke auf den Golf von Neapel und die gegenüberliegende Amalfiküste mit Sorrento bleiben ein Leben unvergesslich.

Diese Aussicht können wir eine Weile genießen. Kurz vor Boscoreale schwenken wir aber gen Norden, denn wir wollen nicht nach Amalfi oder Pompei, sondern einmal um den Vesuv herum. Über kleine Orte geht es zur Nordflanke des Vulkans. Dort fahren wir über herrliche Orte wie Ottaviano und Somma Vesuviana bis nach Sant’Anastasia.

Hier kommt dann noch ein Wermutstropfen: Es erwarten uns mehrere Kilometer auf grobem, extrem unbequemen Pavet, das stark an die Frühjahrsklassiker im wilden Norden erinnert. Auch wenn Pavet nicht unser liebster Freund ist, kann uns auch dieser Abschnitt die Stimmung nicht mehr vermiesen.

Bald erreichen wir schon wieder die Stadtgrenze von Neapel und es geht immer geradeaus bis zu den südlichen Autobahnzubringern, wo wir morgens gestartet sind. Wieder an der Stazione Centrale durch stehende Automassen hindurch, geben wir unser Leihrad wieder ab und sind einfach nur sprachlos: Von der kampanischen Energie, vom epischen Anstieg zum Vesuv, von der Aussicht der Via Panoramica und vom der Umrundung des Vesuv, der aus verschiedenen Perspektiven unser ständiger Begleiter des Tages war. Und dann noch der erste Vulkan überhaupt im Palmarès – Neapel hat sich definitiv gelohnt!

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